Gender, Feminismus und andere Dinge3. June 2010
Hiermit möchte ich mich in ein Minenfeld werfen, das von der Piratenpartei kommend derzeit für Unruhe sorgt: Die Debatte um Gender und Postgender, um Frauen in Nerdkreisen und deren Gleich- oder Ebendochnichtgleichbehandlung. Ich habe mich lange heraus gehalten. Ich durfte die Debatte in meinem Leben mehrfach führen und war ihrer überdrüssig. Ob in meiner Zeit bei den Jusos von 1996-2000, ob in meiner Zeit bei Attac (Hauptsächlich 2002-2006), ob heute: Es hat sich nicht viel neues getan und man fühlt sich bisweilen nicht anders, als erkläre man etwa immer wieder die gleichen Prinzipien von Datenschutz. Am Wochenende zog es mich dann eben doch in eine solche Debatte, und ich erklärte halbwegs leidenschaftlich meinen Standpunkt der Dinge, versuchte auf fast jedes Argument eine Antwort zu finden. Im Folgenden möchte ich mich an jenes Gespräch anlehnen und den Versuch einer Argumentation wagen.
Befeuert wird all dies durch meine derzeitige Lektüre von "Outliers", einem Buch von Malcolm Gladwell. Auf 365 Seiten geht er der Frage nach, was die wahren Bedingungen eines Menschen sind, Erfolg zu haben. Nur selten, schließt er unter Anderem, geht es dabei rein um Talent. Viel Mehr darum, wann ein Mensch geboren ist oder welchen soziokulturellen Hintergrund hat. In einem Kapitel erwähnt er, wie der Erfolg von Kinder mit dem gleichen IQ völlig davon abhängt, wie viel Zeit und Geld die Eltern zur Verfügung haben. Er zitiert eine Studie, die das nicht, wie man vermuten würde, auf die Frage zurück führt, ob ein Kind auf eine Privatschule gehen oder studieren konnte. Sondern er gibt ein Beispiel von Arztbesuchen, bei denen reichere Kinder stets ermutigt wurden, Fragen zu stellen und nicht nur den Arzt reden zu lassen. Ärmere hingegen werden zu mehr Unterwürfigkeit erzogen, stellen keine Fragen sondern drehen scheu den Kopf weg. Er schließt mit einem Beispiel von Christopher Langan, der einen IQ zwischen 195 und 210 besitzt und dennoch keinen Universitätsabschluss vorweisen kann. Im Gegensatz etwa zu Robert Oppenheimer, der aus einer reichen Familie kam, konnte er sich bei Schwierigkeiten mit Professoren nicht durchsetzen und wurde von der Universität verwiesen. (Trotz minderer Vergehen, Oppenheimer hatte sogar versucht, einen Tutor zu vergiften, Langan hatte lediglich versäumt, einen Einkommensnachweis seiner Mutter zu liefern.) Langan hatte, so das Fazit nach etwa 30 Seiten, dank seiner sozialen Umstände versäumt, sich jene "praktische Intelligenz" anzueignen.
Auch wenn Gladwell nur sehr wenige konkrete Beispiele von Frauen liefert, liegt das Muster auf der Hand: Mädchen werden eher dazu erzogen, nachzugeben. Ihnen werden zum Spielen Puppen statt Plastikautos vorgesetzt, sie lernen eher Geige als Trompete. Statt einem Kontaktsport wie Fußball schickt man sie lieber zur Sportgymnastik, wo sie vor allem hübsch aussehen, statt den Gegner umzugrätschen. Das müssen zudem nicht nur jene offensichtlichen Dinge sein. Es reicht, dass eine Mutter ihre zweijährige Tochter nur zehn, statt beim Sohn fünfzehn Meter weit alleine laufen lässt. Wie die sogenannten Baby X-Versuche zeigten, wird der Charakter desselben Säuglings ganz anders beurteilt (und das Kind entsprechend anders behandelt) wenn man den Versuchspersonen erzählt, es handle sich um ein Mädchen oder um einen Jungen. Ohne Absicht. All das führt natürlich auch dazu, dass Frauen zum Beispiel eher dazu neigen, in einer Diskussion dem Anderen den Vortritt zu lassen. Das wiederum ist keine einseitige Sache: Männer, in ihren Domänen mit ihren Spielsachen und Verhaltensweisen erzogen, neigen dazu, Frauen weniger ernst zu nehmen. Auch hier: Statistisch gesehen, natürlich. Aber um ein extremes Beispiel zu geben und das zu verdeutlichen: Bei Afro-Amerikanern konnte man statistisch nachweisen, dass diese einen dunklen Gegenstand in der Hand eines Dunkelhäutigen eher als Waffe, denn als Kamera wahrnehmen, denn als wenn sie es bei einem Hellhäutigen Gegenüber tun würden. Da hilft auch kein "Rassismus"-Geschreie, bei Frauen verhält sich das Muster ähnlich, wenn nicht so drastisch. In Nerd-Kreisen heißt das nicht nur, dass Meinungen weniger stark wahrgenommen werden, sondern auch, dass eine Hackerin weit mehr vorweisen muss, um als solche wahrgenommen zu werden. Wie oft löst ein einfaches "Den Kernel habe ich selbst gepatcht" einer Frau Staunen aus, wo bei einem Mann kaum der Kopf vom Notebook gehoben würde. Und das liegt nicht nur am Seltenheitswert sondern eben auch an der kulturellen Prägung. Das wiederum führt auch dazu, dass eine Frau, die gerade ihre ersten Ruby-Skripte fertig gestellt hat, lieber zuhause weiter übt, anstatt sich in den nächsten Hackerspace zu begeben und den Austausch zu suchen. Alle Frauen? Natürlich nicht. Sonst hätten die Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts nicht das Wahlrecht erstritten, sonst wären Feministinnen in fast all den Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts nicht immer wieder auf die Straße gegangen, um für ihre Rechte zu streiten. Es gäbe keine Frauen in politischen Ämtern, ja womöglich noch nicht einmal Akademischen Positionen. Männer dürften ihrer Frau immer noch verbieten, zur Arbeit zu gehen und das Gesetz würde immer noch mehr Macht über den Körper einer Frau haben als diese selbst. Natürlich spreche ich hier je nachdem von Deutschland oder zumindest den westlichen Industriestaaten, das Thema Frauenrechte weltweit sprengt den Rahmen dieser Debatte. Dass Frauen nun ihre Meinung sagen dürfen und meist auch können, ohne davor Angst haben zu müssen, ist aber eben nicht das Ende der Fahnenstange. Es genügt nicht, wenn es da die ein oder andere gibt, auch wenn sie möglicherweise eine Vorbildfunktion hat. Frauen stellen die Mehrheit der Menschen unter dieser Sonne. Und da hilft es auch nicht, zu sagen man ignoriere das Geschlecht, denn die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit tut es nicht. Im übrigen würde niemand einer Partei aus überwiegend Migranten unterstellen, nur ihre Partikularinteressen zu vertreten. Oder einer überwiegend Katholischen Partei. Bei einer Frauenpartei sieht das anders aus. Post-Etwas (und dazu gehört Post-Gender) bedeutet eben auch, Zustände zunächst überwunden zu haben. Und auch dann braucht es Zeit. Die Vergewaltigung in der Ehe ist seit gerade einmal 13 Jahren strafbar, Ehegattensplitting existiert immer noch und führt dazu, dass eine Familie mehr Geld haben kann, wenn Mutti zuhause bleibt. Man kann sich auch nicht Post-Rassistisch nennen, nur weil man in der Lage ist, Hautfarben zu ignorieren und so tun, als hätten Ausländer in diesem Land die gleichen Chancen. Und während es bei der Hautfarbe, Herkunft oder auch der sexuellen Identität um Minderheiten geht, geht es bei der Geschlechterfrage um die Hälfte aller Menschen! Fälle, von Frauen, welche die Situation ausnutzen, gibt es natürlich ebenfalls. Solche, die sich mit einem lieben Lächeln (oder mehr) die Neuinstallation ihres Laptops erkaufen genauso wie solche, die "Sexismus" rufen, sobald ihr Hilfegesuch bei einer Lapalie abgelehnt wird. Aber jenes Problem lässt sich nicht durch verschweigen lösen. Bestünde tatsächlich einmal der Hackerspace zur Hälfte aus Frauen, wäre das hingegen ganz einfach. Falls überhaupt noch etwas gesagt werden müsste, könnte man den Sexismusvorwurf nur allzu leicht mit all den anwesenden weiblichen Mitgliedern entkräften. Es hilft auch nicht zu sagen "Also ich sehe das anders, und wenn eine Frau ein gutes Argument hat, lasse ich sie auch ausreden." Es geht um Statistik. Und da verdienen Frauen bei gleicher Qualifikation immer noch 12% weniger als Männer (Quelle: Statistisches Bundesamt). Da neigen Frauen eher dazu, beim einzigen verbleibenden Platz auf einer Rednerliste einem anderen den Vortritt zu lassen, da sind Frauen schüchterner und überlegter und sagen eben doch nicht so oft ihre Meinung. "Aber ich möchte nicht nur als Quotenfrau gelten!" Oft hört man den Einwand einer Frau, man wolle für die Qualität seiner Arbeit, seiner Argumente und Meinungen respektiert werden. Deshalb lehne man es ab, nur aufgrund von Quote reden zu dürfen oder gewählt zu werden. Das aber legt den Umkehrschluss nahe, dass es gar nicht genügend Frauen gäbe, die über eine derartige Qualifikation verfügen. Nähme man an, dass dem so sei, dann wäre es doch aller erste Aufgabe, Frauen zu fördern, dass sie sich diese Fähigkeiten aneignen! Und dazu gehört eben nicht nur, dass man ihnen die richtige Lektüre in die Hand drückt, oder ihnen ein Studium ermöglicht. Dazu gehört doch genau jene gleichberechtigte Erfahrung in Debatten, in Gremien und Positionen! Natürlich gibt es auch bei "Quotenfrauen" gute und schlechte. Jene, die eben doch die schlechtere Wahl im Vergleich zum männlichen Kandidaten sind. Aber das Problem gibt es auch, wenn ein Mann sich Kraft seiner Stimme nach vorne kämpft und die Ellenbogen auspackt. Rosa Parks, die sich im Dezember 1955 weigerte, einem weißen Fahrgast den Busplatz zu räumen, war mit Sicherheit eine mutige Frau. Sie blieb aber nicht nur aus Eigennutz sitzen, sondern weil sie ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen wollte. (Was man ihr zuerst nicht glaubte, man warf ihr vor, nur zu Faul zum Aufstehen gewesen zu sein). Martin Luther King wäre auch in der Lage gewesen, sein Leben als eloquenter Mann zu führen, womöglich gar erfolgreich zu werden. Aber er erkannte, dass das eben den wenigsten Schwarzen in den USA vergönnt war. Er stand auf und kämpfte für all jene, die keine Stimme hatten. Die eingeschüchtert waren und zunächst nicht bereit, für ihre Rechte einzutreten. So sollte es auch die Aufgabe jener starken Frauen (und auch der starken Männer) sein, die sich trotz aller kleinen und großen Widrigkeiten einmischen. Sie sollten nicht für sich selbst stehen und sagen "Ich kann das doch auch", sie sollten einen Mißstand erkennen und daran arbeiten, ihn zu beheben. Auf allen Ebenen. Emmeline Pankhurst hatte bei Weitem nicht die Mehrheit aller Frauen hinter sich, als sie mit den Suffragetten anschickte, das Wahlrecht zu ändern. Denn wie Marie von Ebner-Eschenbach so treffend formulierte: "Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit." Trackbacks
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Abgesehen davon, dass dem Artikel ein paar leserfreundliche Absätze fehlen, bleibt verborgen was du eigentlich sagen willst.
Liest sich wie ein Rundumschlag, bei dem du nicht weisst wofür oder wogegen du eigentlich argumentierst. "Im übrigen würde niemand einer Partei aus überwiegend Migranten unterstellen, nur ihre Partikularinteressen zu vertreten. Oder einer überwiegend Katholischen Partei"
Ähm.... doch? Natürlich wird Parteien immer unterstellt ihre Partikularinteressen zu vertreten, ob Frauen, Biertrinker oder Bayern... rephrase: man unterstellt ihnen nicht, ausschließlich partikularinteressen zu vertreten. Zumindest selten, bei der CSU als christliche Partei gar nicht.
Lies mal bei Gelegenheit, was man auf Twitter über CDU und FDP schreibt...
a) ja.
b) leider wird das immer mehr die Tendenz. c) Partikularinteressen bei Prateien sind per se nichts schlimmes, sondern völlig natürlich. jetzt weichst du aber vom Thema ab. Es geht nicht um Partikularinteressen der Piraten, sondern dass man dazu neigt, einer Frauenpartei zu unterstellen, sie wolle allein und ausschließlich Frauenthemen durchsetzen, während man das bei einer migrantenpartei oder einer christlichen Partei nicht so sehr tut.
Ich hab nicht von den Piraten gesprochen. Ich bestreite die Prämisse Deines Arguments.
Da es hierzulande aber keine (wahrnehmbare) Frauen- und keine Männer-Partei gibt, kann man viel glauben. Versuch es doch einfach mal mit einem Beispiel aus der Realität. Schöner Artikel, und alles was du schreibst, ist richtig. Es ist aber, wie ich finde, nur die eine Seite des Themas: Nämlich die, wo Frauen durch Erziehung, Umständet etcpp daran gehindert werden, genauso zu sein wie Männer. Das ist natürlich deshalb einerseits erstrebenswert, weil so zu sein wie die "Männer" den Menschen reich, berühmt und mächtig werden lässt. Aber diese Seite ist mindestens genauso eine Deformation. Um es an dem (unverfänglicheren) Beispiel Oppenheimer/Langhan zu verdeutlichen: Nicht nur Langhan bekommt etwas "Falsches" beigebracht (Unterwürfigkeit), sondern auch Oppenheimer (Arroganz). Denn es ist ja nicht erstrebenswert, wenn Leute sich durchsetzen, obwohl es inhaltlich vielleicht nicht gerechtfertigt ist. Also: Wir sollten nicht nur die bisherigen Bedingungen von Frausein/Armsein/Schwarzsein kritisch reflektieren, sondern auch - und ich meine sogar: vor allem! - über die bisherigen Bedingungen von Mannsein/Reichsein/Weißsein...
Ich sage ja auch nicht, Frauen sollten unbedingt sein wie Männer, sondern, dass so lange wie Frauen und Männer nicht von der Gesellschaft als gleich anerkannt werden, bzw. das soziale Geschlecht tatsächlich in der Masse noch vorhanden ist, man sich nicht hinstellen kann und so tun, als ob dem so sei. Die Schlüsse liegen eben auf der Hand. Die Dominanz der einen "Seite" zu brechen, ist der Schlüssel. Den Rest habe ich ja dargelegt
es fängt doch schon damit an, dass Frauenvereine, die von der Gesellschaft für ihre Gleichstellungs-Arbeit gefördert werden, sich mit Esoterik-Seminaren und Bastelarbeiten die Zeit vertreiben, statt ihre Besucherinnen zur Arbeit mit dem Internet zu ermutigen und zu befähigen.
"Süße Pralinen in schöner Schachtel", "Körperweisheit in inneren Bildern" gibt es zum erschwinglichen Preis, aber wenn frau einen PHP-Kurs braucht, um aus dem ALG II herauszukommen, soll sie für teures Geld die Volkshochschule besuchen. Das ist ein Symptom, sicherlich. Wobei mir nicht ganz klar ist, wo du dieses Symptom einordnen würdest bzw. was dein Lösungsvorschlag dazu ist?
Toller und zutreffender post - wäre schön, mensch würdeofter so etwas lesen können
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